„Lauter als das lauteste Rockkonzert“ – Buchtipp: Arno Luik – Schaden in der Oberleitung

„Lauter als das lauteste Rockkonzert“ – Buchtipp: Arno Luik – Schaden in der Oberleitung

„Lauter als das lauteste Rockkonzert“ – Buchtipp: Arno Luik – Schaden in der Oberleitung 1000 750 Deutsche Schienenhilfe

„In seinem Buch über die Deutsche Bahn stellt Journalist Arno Luik die richtigen Fragen. Doch Allgemeinplätze und Halbwissen machen ihn unglaubwürdig“, schrieb das „Handelsblatt“ über das Buch des früheren Autors der Zeitschrift „Stern“ und Chefredakteurs der taz. Es heißt: „Schaden in der Oberleitung. Das geplante Desaster der Deutschen Bahn“ (Westend Verlag 2019, 20 Euro).

In der Tat ist das Buch weniger eine sachliche Abwägung als eine Abrechnung mit dem Konzern Deutsche Bahn. Vorangestellt wird vieles, was nicht klappt, vor allem bei „Stuttgart 21“, ein Projekt, über das man geteilter Meinung sein kann. Argumente für den neuen Tiefbahnhof findet man jedenfalls keine im Buch.

Etwas abschreckend ist auch die romantisierende Vorstellung von Bahnhöfen und Haltepunkten, die früher in der Tat mit Personal besetzt waren, und heute an vielen Orten mit Verdreckung zu kämpfen haben. Allerdings könnte man sich das Personal heute auch gar nicht mehr leisten, geschweige denn, dass man es auf dem leergefegten Arbeitsmarkt finden würde.

An manchen Stellen lärmt es bis zu 110 Dezibel

Ganz wichtig im Buch ist aber das Kapitel 5 (ab Seite 146): „Ohren zu im Weltkulturerbe“. Es geht um das Mittelrheintal. „Eine Traumlandschaft“, schreibt Luik: „Aber ein Albtraum für die Menschen, die dort leben. In diesem wunderschönen Rheintal herrscht ein Höllenlärm, Tag und Nacht. Fast 500 Züge, die meisten davon schwere, rumpelnde Güterzüge, oft bis zu 600 Meter lang, donnern auf beiden Rheinseiten durch das enge Tal und mitten durch die Dörfer. […] An manchen Stellen lärmt es bis zu 110 Dezibel. Das ist lauter als das lauteste Rockkonzert.“
Sodann weit Luik darauf hin, dass Lärm töten kann. „Jährlich sterben Zehntausende Menschen an den Folgen von Dauerlärm.“ Seit 2002 ist das Obere Mittelrheintal „Welterbe der Menschheit“. Aber diese Auszeichnung ist nach Luik absurd. Denn durch dieses Tal führe die lauteste Bahnstrecke Europas.

„2002, bei der Verleihung der begehrten Welterbe-Auszeichnung, versprachen die Politiker dafür zu sorgen, dass es im Rheintal ruhiger werde. Das Gegenteil ist passiert.“ Denn sie wussten schon damals, so Luik, dass mit dem geplanten „europäischen Güterverkehrskorridor“ zwischen Rotterdam und Genua der Frachtverkehr deutlich zunehmen würde.

Für Autos gibt es Geschwindigkeitsbegrenzungen in Ortschaften, für Güterzüge nicht

Zigtausende haben deshalb in den letzten Jahren die Heimat verlassen, ob in Sankt Goarshausen oder in Oberwesel. „In fast jedem Dorf stehen Häuser leer, Rollos unten, Hotels verfallen.“ Für Autos gibt es Geschwindigkeitsbegrenzungen in Ortschaften, für Güterzüge nicht. Güterzüge haben bis zu Tempo 100 drauf. Früher, berichtet Luik, durften sie nur 65 Kilometer fahren.
Das pulversiere alle Fortschritte in Sachen Lärmschutz.
Luik: „Wenn man gerade am Einschlafen ist, knallt es plötzlich, weil ein Güterzug über eine Weiche springt. Wie ein Dampfhammer haut dieses Geräusch in den Kopf, in den Körper rein. Da tritt keine Gewöhnung oder Abstumpfung ein. Das ist ein Angriff auf das Nervensystem.“

Flachstelle? Es geht dann tacktacktacktack!

Manche, die im Oberen Rheintal geblieben sind, kämpfen verzweifelt gegen diese ununterbrochene Lärmfolter. Einer von ihnen ist Frank Gross [von der Initiative „Pro Rheintal“]. „Schienenstegdämpfer, die den Schall an der Schiene absorbieren, die Tatsache dass bis Ende 2020 alle Güterzüge ‚Flüsterbremsen‘ haben müssen – all diese kleinen Erfolge werden zur Makulatur, da das Schienenmaterial heute viel ramponierter, die Laufräder der Züge weniger gepflegt sind als früher, …“.
Gross: „Hat ein Rad eine einzige Schadstelle, zum Beispiel eine sogenannte Flachstelle, das sind Unterbrechungen der Rundungen, dann knallt es. Es geht dann tacktacktacktack!“
Er wird mit den Worten zitiert: „Die Bahn nimmt uns täglich das Leben.“
Dem ist nichts hinzuzufügen.

Lesetipp!

Arno Luik: Schaden in der Oberleitung – Das geplante Desaster der Deutschen Bahn, 296 Seiten, Westend Verlag 2019, 9783864892677

Weitere Rezensionen zu dem Buch (Auswahl):

– aus dem Handelsblatt
https://www.handelsblatt.com/arts_und_style/literatur/buchtipp-schaden-in-der-oberleitung-ein-buch-fuer-bahnhasser-und-nur-fuer-die/24979108.html
– aus der Wochenzeitung „der Freitag“
https://www.freitag.de/autoren/asansoerpress35/schaden-in-der-oberleitung-von-arno-luik
– Deutschlandfunk Kultur
https://www.deutschlandfunkkultur.de/sachbuch-schaden-in-der-oberleitung-warum-die-verkehrswende.1008.de.html?dram:article_id=457877

„Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest“, schrieb Robert Koch 1910.