Buchtipp: „Schienengüterverkehr findet auf dem Rücken derjenigen statt, die entlang der Schienenachsen leben“

Buchtipp: „Schienengüterverkehr findet auf dem Rücken derjenigen statt, die entlang der Schienenachsen leben“

Buchtipp: „Schienengüterverkehr findet auf dem Rücken derjenigen statt, die entlang der Schienenachsen leben“ 600 483 Deutsche Schienenhilfe

Der nächtliche Güterverkehr im Rheintal ist für die Anwohnerinnen und Anwohner sehr belastend, schreiben die Autoren des Sachbuches „Abgefahren – warum wir eine neue Bahnpolitik brauchen“, der Biophysiker Bernhard Knierim und der Politologe Winfried Wolf auf Seite 219.

„Da der Güterverkehr hier enorm zunimmt und nachts teilweise alle paar Minuten ein Güterzug über die jeweilige Strecke fährt, sind viele Anwohnerinnen und Anwohner häufig gesundheitsschädlichen Lärmmessungen ausgesetzt.

Um diese Belastungen zu minimieren, müssten die Deutsche Bahn-Tochter DB Netz und der Bund sowie die Güterbahnunternehmen sehr viel stärker auf lärmreduzierende Techniken und entsprechende Optimierungen der Infrastruktur und der Züge setzen. Zwar sind in den letzten Jahren bereits viele Güterwagen auf neue, lärmärmere Bremsen umgerüstet worden, aber diese Maßnahme reicht bei weitem nicht aus. […]

So findet der Schienengüterverkehr im Moment oft auf dem Rücken derjenigen statt, die entlang der großen Schienenachsen leben.“ (Seiten 219f.)

Das ist absolut zutreffend dargestellt.

Das Buch beschäftigt sich allerdings nur am Rande mit der Lärmproblematik.

Ein Buch zur Bahnpolitik der letzten Jahrzehnte

Vor allem geht es um eine – aus Sicht der Autoren – verfehlte Bahnpolitik der letzten Jahrzehnte. Dabei werden viele Themen intensiv behandelt, vom Gleisrückbau, über das undurchschaubare Tarifsystem bis hin zu den Managementfehlern bei der Bahn AG. Besonders kritisiert werden die Abschaffung der InterRegio-Züge und die Großprojekte Stuttgart 21, Altona, Hauptbahnhof München.

Viele ExpertInnen kommen zu Wort, von Gewerkschaftern bis zu Wissenschaftlern wie Professor Markus Hecht von der TU Berlin, der auf Seite 188 wie folgt zitiert wird:

„Die Leistungsanforderung ist dort derart hoch [bei den ICE; Red.], gleichzeitig gibt es zu wenig Fahrzeuge. In der Folge werden Züge mit Schäden auf die Strecke geschickt.“

Das Buch erinnert auch an die vielen Konzepte für einen „neuen Fernverkehr“, den die Bahn AG seit langer Zeit immer wieder vorlegt – in der Folge ändere sich oft aber nur wenig. „Kundenoffensiven“ der Vergangenheit seien in Vergessenheit geraten, schreiben Knierim und Wolf.

Sie haben dieses äußerst lesenswerte Buch aus politisch linker Sicht geschrieben. Was ist ihrer Ansicht nach der Grund für die vielen Mängel bei der Bahn AG?

Kritik an der Führung der Bahn AG

Auf Seite 262 werden die Autoren konkret:

„Die Top-Etage der Deutschen Bahn AG ist durchsetzt mit bahnfremdem Personal, ja mit Führungskräften, die beim Thema Mobilität nur den Blick durch die Wundschutzscheibe einer teuren Limousine kennen, deren Lebenswelt und Interessen von der Autoindustrie und der Luftfahrt geprägt sind und deren bahnpolitische Praxis die Interessen der Konkurrenten der Schiene bedient.“

Ein harter Vorwurf. Aber vielleicht mit mehr als nur einem wahren Kern?

Lesetipp!

Bernhard Knierim / Winfried Wolf: Abgefahren: Warum wir eine neue Bahnpolitik brauchen, 290 Seiten, Papyrossa Verlag 2019, 9783894387075

Link zum Verlag: https://shop.papyrossa.de/Knierim-Bernhard/Wolf-Winfried-Abgefahren

Eine Rezension von AktivistInnen der Deutschen Schienenhilfe.

Zum Schluss noch ein Zitat: „Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest“, schrieb Robert Koch 1910.