„Wer an der Bahnstrecke wohnt, ist selber schuld“ – warum dieses „Argument“ perfide ist

„Wer an der Bahnstrecke wohnt, ist selber schuld“ – warum dieses „Argument“ perfide ist

„Wer an der Bahnstrecke wohnt, ist selber schuld“ – warum dieses „Argument“ perfide ist 1632 952 Deutsche Schienenhilfe

Immer wieder hören wir das Argument, wer an einer Güterbahnstrecke wohnt, ist selbst schuld. Denn die Gleise waren ja sicher schon da, bevor man dahingezogen ist. Wer also dort wohne, müsse den Lärm in Kauf nehmen.

Diese Argumentation ist nicht nur menschenfeindlich und perfide, sie ist auch falsch. Aus folgenden Gründen:

1. Heimat ist nicht verhandelbar!

Viele Anwohner an Gleisstrecken sind dort aufgewachsen. Sie lebten dort als Kinder, sie lieben ihr Elternhaus. Es ist Heimat. Trotz des Bahnlärms. Gott sei Dank gibt es heute noch erdverbundene Menschen, die nicht das Leben internationaler Jet-Setter leben, und heute hier, morgen dort leben. Heimat verlässt man nicht so schnell. Heimat ist Verbundenheit. Vor allem in so schönen Gegenden wie Rosenheim, dem Mittelrheintal oder in Sachsen.

Fazit: Die meisten Menschen sind nicht an die Schiene gezogen, sondern lebten schon immer dort.

2. Uns wurde anderes versprochen!

Seit Jahrzehnten heißt es immer wieder von der Politik, dass der Bahnlärm in den „nächsten Jahren“ abnehmen werde. Zig Aktionsprogramme gab es. Verbesserungen wurden versprochen bei Gleisen, Loks, Flachstellen, Bremsen. Doch Lärmreduzierungen auf der einen Seite stehen andere/neue Lärmquellen und -empfindungen auf der anderen Seite gegenüber. Ruhiger wurde es für die Menschen meist nicht. Der steigende Güterverkehr auf der Schiene tut sein Übriges.

Fazit: Wer an die Schiene gezogen tut, tat das im Glauben, es werde ruhiger. Doch das wurde es oft nicht.

3. Immer wieder Ausnahmeregelungen!

… wie jetzt beim Schienenlärmschutzgesetz. Hintergrund ist die Ankündigung des Bundesverkehrsministeriums, das Fahren mit lauten Waggons erst ab Ende 2021 an zu sanktionieren – ein Jahr später als geplant. Damit werden die Sanktionen des Schienenlärmschutzgesetzes faktisch Makulatur. Auf dieses Gesetz haben die Anwohner aber seit Jahren vertraut. Nun die Verschiebung bis Ende 2021. Was passiert Ende 2021? Verschiebung bis 2022? 2023?

Fazit: Versprochen – gebrochen. Wer an der Schiene wohnt, darf klagen. Denn Zusagen werden nicht eingehalten.

4. Gelder werden nicht abgerufen!

Für Lärmschutzwände ist Geld da. Aber viele staatliche Hilfen wurden in den vergangenen Jahren nicht abgerufen. Viele Anwohner hatten auf neue Lärmschutzwände gehofft. Sie kamen aber nicht.

Fazit: Erwartungen geweckt – Erwartungen enttäuscht. Ruft endlich alle Gelder ab und baut neue Lärmschutzwände! Auch in Gebieten, in denen es keinen „Rechtsanspruch“ darauf gibt.